Ferkelproduktion in Deutschland

Heute möchte ich euch ein bisschen was über mein Praktikum in einer Ferkelproduktion erzählen. Ihr habt vielleicht schon gelesen, dass ich vom Studium aus ein landwirtschaftliches Praktikum machen musste. Zwei Wochen lang arbeitete ich in der Schweineanlage und hatte jeden Tag Zuhause viel zu erzählen. Ich werde versuchen es auf die wichtigsten Fakten zu beschränken, aber dennoch wird es kein kurzer Post, in dem ich mal eben von traurigen Schweinen und toten Ferkeln erzählen werde. Mir ist es wichtig diesen Bericht zu schreiben. Sollte ich eine Vorwarnung aussprechen? Ich denke nicht, erstens sollte jeder wissen, wie es hinter den Türen aussieht und zweitens bin ich auch ohne Vorwarnung dort angekommen und habe viele wertvolle Erfahrungen mitnehmen können. Ich hoffe ihr versteht was ich meine und könnt bald nachvollziehen, warum ich unglaublich wütend, enttäuscht und ergriffen bin. Die Fotos habe ich selbst gemacht. Tiere bewegen sich, also erwartet bitte keine Ausstellungsstücke.

Zu Beginn verlinke ich euch ein Video, welches gut darstellt, wie es in den Zuchtanlagen in Deutschland aussieht und zeigt, was ich gesehen habe. Dazu muss ich sagen, dass es in meinem Betrieb nicht ganz so schlimm aussah. Aber zu den Einzelheiten komme ich gleich.

Die Haltung
Am ersten Tag ging ich ohne Erwartungen in die Anlage und wurde auch ganz freundlich empfangen und nachdem ich mir Arbeitskleidung angezogen hatte, wurde ich gleich in die Ställe geführt. Ein großer Gang charakterisierte das Gebäude, von welchem links und rechts Türen zu den einzelnen Ställen abgingen. In einem Stall lagen 40 Sauen in Abferkelboxen (siehe Video). Die Sauen liegen fixiert durch Gitterstäbe in der Mitte solcher Abferkelboxen, sodass sie nur liegen oder stehen können. Bewegung ist nicht möglich. Hauptsächlich liegen die Sauen, wodurch ihre Jungen an die Zitzen kommen und saugen können. Der Boden besteht aus einem Gitter, damit die Reinigung einfacher ist und Urin zB gleich abfließen kann. Aber genau der Boden ist auch Grund dafür, dass Ferkel mit ihren Beinchen stecken bleiben und teilweise daran sterben oder die Sauen sichtlich Probleme beim Aufstehen haben. Die Arbeiter schlagen die Sauen mit Metallstangen oder Spaten, damit sie aufstehen. Das machen sie nicht aus Freude, aber dennoch muss es gemacht werden, da sonst die Tiere anfangen zu lahmen und gar nicht mehr aufstehen. Ich sollte sie ebenfalls hochjagen und dabei mit meinem Mister schlagen. Auf meine Aussage, dass ich den Tieren nicht weh tun will, kamen immer die selben Worte: Ach, das tut denen nicht weh. Ok, wenn mich jemand schlagen würde und dabei lauthals anschreien würde, denken sich bestimmt auch alle - Das tut nicht weh. Für die Ferkel war der Boden weiterhin noch ein Problem, da sie unglaublich oft ausrutschen und hinfallen. Die Sau hatte vor ihrer Schnauze den Trog mit Wasser und Futter und am Po war im Boden eine breitere Ritze, um den Mist dort hinein zu schieben. Die fixierte Haltung soll verhindern, dass die Ferkel zertreten werden, dennoch passiert es, dass Ferkel durch die eigene Mutter erdrückt werden und dann einfach aussortiert werden, als wäre nichts passiert. In den Ställen ist normalerweise kein Licht an, lediglich die Wärmelampen leuchten, wenn die Ferkel diese noch benötigen. In dem Betrieb, in dem ich arbeitete, gab es teilweise Fenster in der Decke, durch die jedoch nur sehr schwaches und stark gedämpftes Licht einfiel. Auf Nachfrage, wieso es immer so dunkel sei, wurde mir gesagt, dass ein Schwein draußen in der Natur nie sich in die pralle Sonne legen würde. Damit hat man wahrscheinlich auch recht, aber muss es deswegen so dunkel sein? Und das ein Leben lang?
Die Ferkel
Jeder Mensch ist beim Anblick kleiner Ferkel angetan. Sie sehen so unschuldig und friedlich aus. An meinem letzten Tag habe ich mich ein paar Minuten an eine Abferkelbox gestellt und die Tiere nur beobachtet. Rund fünfzehn Ferkel lagen aufeinander und haben geschlafen. Haben versucht den besten und wärmsten Platz zu erreichen und sahen dabei so zufrieden aus. Sie taten mir dabei so leid, weil auf sie noch viel wartete. Wenn die Ferkel ca sieben Tage alt sind, kommt die erste Prozedur. Mit einem Wagen, auf dem zwei Kästen stehen, geht es in den Stall. Die Ferkel werden eingefangen und nach Geschlecht in diese Kästen geschmissen. Geschmissen. Beim Einfangen werden die Ferkel an den Hinterbeinen gegriffen und kopfüber festgehalten. Die Mitarbeiter hatten teilweise vier Ferkel an jeder Hand. Es sah aus wie ein Blumenstrauß aus Schweinen. Ich hab die Tiere meistens mit beiden Händen unter die Brust gegriffen und dann getragen. Einzeln nacheinander. Ich meinte, dass ich Angst hätte die Ferkel fallen zu lassen, wenn ich gleich mehrere tragen würde und daraufhin wurde wieder mir als Antwort gegeben: Das tut denen nicht weh. Doch tut es! Nun, in den engen Boxen nach Geschlecht getrennt, habe ich die Ferkel mit zwei Medikamenten geimpft, dann die Marken durch die Ohren gestanzt. Sie schrien wie am Spieß. Oft wurde mir gesagt, dass es wie ein Ohrring sei, aber das war es nicht, da der Stift einen Durchmesser von gut einem halben Zentimeter hatte. Danach nahmen sich die Arbeiter die männlichen Ferkel und klemmten sich eins nach dem anderen zwischen die Oberschenkel. Gesicht  nach hinten, Po nach vorne. Mit einer Skalpellklinge wurden nacheinander alle Ferkel kastriert und zum Schluss noch der Ringelschwanz abgeschnitten - Egal ob männlich oder weiblich. Dann wurden die Ferkel zurück zur Mutter in die Abferkelboxen geschmissen. Manche landeten senkrecht auf ihrere Nase oder sonst wie ungünstig. Die sieben Tage alten Tiere hatten gerade zwei Impfungen, eine Ohrmarke, eine Kastration ohne Betäubung durchlebt und ihnen wurde der Schwanz abgeschnitten. Und dann werden sie einfach wieder rein geworfen. Mir fiel es unglaublich schwer dabei zuzusehen und mir taten die Tiere unfassbar leid. An dieser Stelle eine paar Erklärungen: Der Schwanz wird abgeschnitten, da die Tiere sonst später im älteren Zustand dazu neigen können sich gegenseitig die Schwänze anzubeißen und ein Schwein, was einmal Blut geleckt hat, will immer mehr Blut und frisst immer mehr Schweine an. Um Kannibalismus aus Enge und Eintönigkeit also zu verhindern, werden die Schwänze abgeschnitten. Kastriert wird ein Ferkel ohne Betäubung, da es mit in einer Massenproduktion viel länger dauern würde. Schuld an der Kastration ist der Konsument, da dieser kein Eberfleisch essen möchte. Der Geschmack soll wohl von einem Kastrat und Eber unterschiedlich sein. Aber wieder zu den Ferkeln. Blutverschmiert und noch gar nicht realisierend, was mit ihnen passiert ist, suchen sie dann meist die Milch ihrer Mutter. Nachdem wir mit einem Stall durch waren, sollte ich dann Streu auf die Ferkel streuen, damit sie nicht verkleben. Ich musste zweimal nachfragen, ob ich wirklich auf die Ferkel streuen sollte. Die Mitarbeiter arbeiten dabei ohne Handschuhe und mit der ein und der selben Klinge. Sowas kann doch keine Hygiene sein?! Ach und auf meine Bemerkung, dass das wahnsinnig weh tun muss, wenn die Tiere ohne Betäubung kastriert werden, wurde der Eingriff mit einem Schnitt in den Finger verglichen. Ich war fassungslos. Ich bin es immer noch.

Die Reinigung
Ich musste sehr oft die Abferkelboxen ausmisten. Habe mich auch nie dagegen gesträubt, weil ich wusste, dass es dazu gehört. Aber oft war es der Fall, dass die Sauen in ihrem eigenen Kot saßen oder die Ferkel sich gegenseitig damit beschmutzten. Es ist einfach nicht genügend Platz da. Jedes Tier baut sich seine eigene Ecke, in der es immer sein Geschäft verrichtet, aber diese haben einfach nicht die Möglichkeit. Es ist auch passiert, dass mich eine Sau angepisst hat und in meinen Schuh gepinkelt hat. Aber wo soll sie auch hin und ich stand gerade da, also Pech gehabt. Wenn die Sauen umgestallt werden und neue in die Abferkelboxen kommen, werden diese mit einem Wasserdruckstrahl gekärchert. Ich wunder mich jedes mal wieder, wie sauber die Boxen werden können.
Das Spielzeug
Ob Spielzeug Pflicht ist, weiß ich nicht, aber unsere Ställe hatten sogenanntes Spielzeug. Es entpuppte sich als Metallketten, die mit einem Gummischlauch überzogen waren. Die Sauen bissen darauf herum und vertrieben sich die Zeit. Die Ferkel spielten miteinander. Manchmal jedoch war ich mir nicht sicher, ob es wirklich noch ein spielen war oder Aggressionen. Wenn Tiere andauernd auf engsten Raum leben, kommt es ja dazu, dass sie sich streiten und Aggressionen abbauen. Aber meistens sah es ganz niedlich aus, wie sie sich gegenseitig in die Ohren knabberten oder umher rannten. Wenn ich zum Misten in die Boxen gingen, kamen die meisten Ferkel angerannt und haben meine Schuhe und Hose beschnuppert und später sogar reingeknabbert und das Hosenbein hochgezogen. Es sind wirklich wundervolle Tiere. 

Die Verletzungen
Häufig passiert es, dass sich die Schweine verletzen. Dabei sind häufig die Sauen betroffen, die durch die Gitterstäbe, welche sie fixieren, oft verletzt werden. Ich habe unzählige Sauen gesehen, die Schorfwunden, Kratzer oder blutende Wunden hatten. Sehr oft war dabei das Bein betroffen oder die Klaue. Manchmal ist ein Zeh abgerissen wurden oder das Bein ist angeschwollen. Wie und ob diese Wunden behandelt wurden, kann ich nicht sagen. Der zuständige Tierarzt kommt alle vier Wochen und berät die Ferkelproduktion in vielerlei Hinsicht, aber ob es sich für eine Massenproduktion lohnen würde eine Sau von einem Tierarzt behandeln zu lassen, bezweifle ich. Wenn Ferkel ihren Verletzungen, sei es durch das Erdrücken oder allgemeiner Schwäche, erlegen, so werden sie einfach in die Kardaverhalle geschmissen. Ferkel haben eine Sterberate von ca 15 %. Diese Zahlen muss man sich mal veranschaulichen. Ständig lagen tote Ferkel auf den Fluren und wurden dann irgendwann mal eingesammelt, um entsorgt zu werden. Das war ein schrecklicher Anblick.


Mein Fazit   
Ich konnte und habe viel während der zwei Wochen gelernt. Mir ist bewusst, dass mein Betrieb eigentlich ein guter Betrieb war, was mir auch immer wieder verdeutlicht wurde. Aber wenn diese Bedingungen schon gut sind, wie sieht es dann in anderen Anlagen aus? Die Arbeit dort hat mir nicht wirklich Spaß gemacht, ich musste viel Misten, Wassertröge reinigen oder die Ferkel mit Marken durchlöchern. Aber immer wenn ich alleine im Stall war, hab ich mich zu den Tieren hingesetzt, mich mit ihnen beschäftigt und mit ihnen gesprochen. Es sind unglaublich tolle Tiere. Trotz der vielen schlimmen Anblicke und des nicht angenehmen Geruchs, etc, kann ich sagen, dass ich bestimmt wiederkommen werde. Vielleicht in zwei Jahren, wenn ich weiter im Studium bin und mehr Verständnis und Wissen habe. 
Ich will damit niemanden aufrufen auf Fleisch zu verzichten, weder beabsichtige ich die Massenproduktion in Deutschland schlecht zu reden. Das brauche ich auch gar nicht, denn das ist sie von sich aus schon. Mit diesen Worten beende ich mein kleines Protokoll. Ich wollte mich auf das Wesentliche beschränken und hoffe, dass ihr es euch durchgelesen habt. Zum Schluss noch ein kleines Video, was zeigt, warum Schweine nicht auf Gitter und durch Stahlstangen eingezäunt gehalten werden sollten. Danke. 

Kommentare:

  1. Na geil dass du den Dreck auch noch durch ein Praktikum unterstützt!
    Unglaublich!

    GO VEGAN

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    1. Ich denke, dass ich ich in diesen zwei Wochen sehr viel gelernt habe und ich hatte auch Gespräche mit meiner Chefin, in denen ich ihr gesagt habe, dass ich mich auf der falschen Seite positioniert fühle - aber ich mache diese Art von Praktika, da ich erstens ein höheres Ziel verfolge und zweitens denke ich, dass jeder wissen sollte, wie es wirklich in der Fleischindustrie aussieht. Videos, Bilder, Berichte sind alle gut und schön, aber wirklich mal da gewesen zu sein und alles miterlebt zu haben, ist nochmal was ganz anderes.
      Wenn du davon ausgehst, dass ich sowas unterstütze, frage ich dich, ob du meine Beiträge überfliegst, oder wirklich liest.

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  2. Ich finds echt hammerhart das du das durchgezogen und ertragen hast, ich könnte mir das niemals anschauen ich wäre gestorben.. das ist einfach nur fürchterlich.

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  3. Wie schrecklich :(
    Klar muss man da durch als angehende Tierärztin, aber ich finde das so schlimm, sowas live miterleben zu müssen...

    Gerade Schweine sind so empfindsame, intelligente Wesen, ich möchte gar nicht wissen, was die über die Menschen denken, die ihnen sowas antun...

    Ich weiß auch nicht... man kann wirklich nur hoffen, dass es irgendwie mal ne große Katastrophe gibt und diese Industrie so nicht mehr fortgeführt werden kann. Mit Gesetzen kriegt man das wohl nie in den Griff und die meisten Menschen werden auch weiterhin ihr Fleisch essen wollen, ohne Rücksicht auf Verluste...

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    1. Danke für deinen Kommentar!

      Tja, dieser Verdrängungsmechanismus funktioniert bei Menschen echt gut, nicht nur in diesem Bereich! Mein Freund sagt auch immer, ihm tun die Tiere leid, aber er möchte weiterhin Fleisch essen, weil er es mag und den Gedanken an das Tierleid einfach beiseite schiebt... ich kann das aber nicht (mehr). Auch wenn ich schon weniger Tierleid verursache als andere Menschen, habe ich doch oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich Eier oder Käse esse.

      Also was die Boxen angeht, gibt es keinen Geheimtipp. Ich habe es gerade bei der DM Box ewig probiert und dann hatte ich auch endlich mal Glück ;) Bei der Rossmann Box war´s irgendwie einfacher, da hatte ich gleich bei der ersten Erfolg!

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  4. Vielen vielen Dank für deinen Bericht! Ich find's total gut, dass du niemanden missionieren willst vegetarisch/vegan zu leben, sondern einfach die Bilder und deine Eindrücke sprechen lässt. Meiner Meinung nach ist es echt wichtig, dass Konsumenten sich damit beschäftigen was sie eigentlich essen, woher es kommt und wie es hergestellt wird. Daumen hoch!

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  5. Das ist wirklich schrecklich :((
    Schweine sind intelligente Tiere. :(

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  6. Interessanter Post! Ich hätte das nicht ausgehalten, ich glaube ich wäre die ganze Zeit weinend durch die Gegend gelaufen und hätte alle Schweine befreien wollen! :(

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  7. Ein sehr nüchterner und objekiv betrachteter Beitrag. Gut geschrieben und informativ, ohne, dass dabei deine eigene Meinung verloren ging.
    Finde ich super!

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  8. das ist wirklich schrecklich... ich selbst hätte das nie durchgehalten, respekt dafür, dass du es hast!

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  9. Wow! Ich finde es toll, dass du dieses Thema in deinem Blog ansprichst. Ich selbst habe mich aus diesem und anderen gründen sazu entschieden mich vegetarisch zu ernähren. Ich finde es schrecklich wieviele Leute davon nichts wissen wollen!
    wßrde mcih freuen wenn du mal bei mir vorbeischaust: http://hello-mr.blogspot.de/

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  10. Ohh, na das glaube ich dir! :(

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  11. Es ist wirklich super interessant, mal etwas von jemandem zu lesen, der wirklich da war und sich den Alltag angesehen hat. Hut ab, dass du das durchgehalten hast!

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  12. Oha! Das klingt furchtbar! Ich hab schon so oft über sowas gelesen, aber man tendiert leider immer zum Wegschauen... :/
    Toller Post, das sollte man sich echt mal durch den Kopf gehen lassen! Gut, dass ich wenig Fleisch esse und sowas nicht noch unterstütze...

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